Dienstag, 4. April 2023

Nachhaltigkeitsrisiken – Praxisimpulse für Regionalbanken

Von der abstrakten „Green Box“ zur Anwendung – Wie die Integration der globalen Nachhaltigkeitsrisiken in Regionalbanken gelingen kann?

Andreas Schmidt, Bereichsleiter Unternehmensplanung und -steuerung, VR Bank Starnberg-Herrsching-Landsberg eG

 

Nachhaltigkeitsrisiken stellen sich in der Steuerungspraxis aufgrund ihrer Vielschichtigkeit oftmals als globale und somit abstrakt erscheinende „Green Box“ dar. Dazu kommt, dass die Entwicklung von Messkriterien und Modellen in den Kinderschuhen steckt und die langfristigen Zeitdimensionen konventionelle Risikobetrachtungshorizonte übersteigen. Unabhängig davon ist es schon heute möglich, notwendig und sinnvoll, Nachhaltigkeitsrisiken in die Risikosteuerung zu integrieren.

 

Der Klassiker: Branchenbezogene Kreditrisiken

Am ehesten finden Kreditportfolioanalysen in Annäherung an Nachhaltigkeitsrisiken Anwendung, insbesondere die Identifizierung von Branchen, welche

  • umfassenden transitorischen Effekten, d. h. der Umstellung auf eine CO2-arme Ökonomie, unterliegen, z. B. Zulieferer der Automobilindustrie
  • spürbaren klimatischen Veränderungen unterliegen, z. B. der Skitourismus
  • die von potenziellen Naturkatastrophen (u. a. Unwetterereignisse, Nutztierseuchen) überproportional betroffen sind, z. B. Landwirtschaftsbetriebe

Je nach Geschäftsmodell und Kreditportfolio des einzelnen Instituts können hieraus steuerungsrelevante Impulse gewonnen werden. Allerdings zeigt die Praxis, dass – nicht immer, aber in einigen Fällen – ebendiese „typisch“ erscheinenden Branchen nicht per se ein Nachhaltigkeitsrisiko darstellen, weil sie sich im Einzelfall intensiv bspw. durch technologische Weiterentwicklungen, Geschäftsmodellveränderungen oder Versicherungen auf die Zukunft vorbereiten (müssen). Ist Letzteres der Fall, kann das hierbei ggf. kritische Element des Zeitfaktors über die Szenario-Annahme eines plötzlichen klimabedingten „Lockdowns“ einschließlich eines Konjunkturschocks als hypothetisches Extremereignis abgeschätzt werden.

Das bedeutet, dass das branchenbezogene Kreditrisiko institutsspezifisch einen wesentlichen Risikotreiber für Nachhaltigkeitsrisiken darstellen kann, aber auch, dass dessen Auswirkungen zwar relevant, aber grundsätzlich von untergeordneter Bedeutung sein können. In jedem Fall bietet es sich an, auch erweiterte Perspektiven, sozusagen outside the box, für die Einwertung von Nachhaltigkeitsrisiken einzunehmen.

 

Erweiterte Perspektiven und Ansatzpunkte 

Gerade aufgrund der Globalität der Nachhaltigkeitsrisiken ist es für Regionalbanken hilfreich, sich bewusst auf die Geschäftsregion zu fokussieren:

  • Welche Ökosysteme prägen die Region?
  • Welchen Einfluss hätte eine spürbare Veränderung dieser regionalen Ökosysteme auf Immobilienmarkt, Kaufkraft oder Wirtschaft vor Ort?
  • Welche kontinuierlichen Veränderungen zeichnen sich bereits ab und welche Extremereignisse können eintreten?

Publikationen hierzu sind oft recht einfach und kostenlos zu beziehen, beispielsweise über die Umweltministerien der Bundesländer. Hier lassen sich fundierte und gut aufbereitete Informationen generieren, welche regionalen Auswirkungen und Veränderungen u. a. durch Klimaveränderungen zu erwarten und welche Risiken realistisch sind.

Diese bewusst regionale Perspektive erleichtert die Integration in die Geschäfts- und Risikostrategie, sorgt für weitere Akzeptanz von Nachhaltigkeitsstrategien und bietet zudem eine Basis für Handlungsansätze vor Ort. Das Infragestellen der womöglich bisher implizit vorausgesetzten Selbstverständlichkeit intakter Ökosysteme stellt darüber hinaus einen bewussten Perspektivenaufbruch dar. 

Am konkreten Beispiel können See- und Flusslandschaften zur (gewohnten) Lebensqualität einer Region beitragen und somit Treiber und/oder Stabilitätsanker von Kaufkraft und/oder Immobilienpreisen sein. Negative qualitative Veränderungen können dann isoliert oder kombiniert wie folgt relevant sein und in der Folge in der Risikotragfähigkeit bspw. im Immobilienrisiko, operationellen Risiko oder Kreditrisiko niederschlagen:

  • veränderte Wasserqualität durch wärmeres Klima bis hin zu Kippeffekten
  • zunehmend extreme Wetterereignisse, die zu Hochwasserereignissen oder Trockenheit führen
  • plötzliche Ausbreitung invasiver Neozoen (z. B. Algen, Stechmücken)
  • kritische Beeinträchtigungen durch Übernutzung z. B. zunehmender Freizeitaktivitätsdruck aus Ballungsräumen 

Spätestens seit der Corona-Pandemie 2020 ist der Eintritt plötzlicher globaler Extremereignisse mit auch regionaler Wirkung spürbare Realität geworden, so dass sich hypothetische, aber nicht auszuschließende Stresstest-Storys als geeigneter Gedanken- und Steuerungsansatz eignen. Hierbei kommt es vielmehr auf die Transparenz der Zusammenhänge, als die Berechnungsschärfe an. In diesem Kontext lohnt sich noch ein Blick in das BaFin-Journal vom 23.02.2023: „Wie viele Mohnblumen sehen Sie? Risikomanagement zwischen Genauigkeit und Unsicherheit am Beispiel Nachhaltigkeit“ von Dr. Rainer Sachs.

 

PRAXISTIPPS

  • Globale Entwicklungen über regionale Charakteristiken greifbar machen
  • Zusammenhänge und Vernetzungen über Story-Szenarien (plötzliche Extremereignisse) hinterfragen
  • Mut sich von konventionellen Denkansätzen und Berechnungsschärfen zu lösen
  • Es kommt nicht auf Genauigkeit oder fehlende Daten und Modelle an

Beitragsnummer: 22090

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