Mittwoch, 11. Januar 2023

Kreditvergabe unter Einfluss steigender Zinsen & EK-Anforderung

Betrachtung und Ausblick der Kreditgewährung im neuen Umfeld: besondere Bedingungen durch Zinssteigerungen und erhöhte Eigenkapitalanforderung

Michael Kersting, Vorstand Betrieb, Volksbank eG Osterholz Bremervörde 

 

Das Umfeld für die Gewährung von Kreditfinanzierungen hat sich in den letzten Monaten deutlich verändert. Neben einem gestiegenen Zinsniveau haben neue regulatorische Anforderungen weitere Auswirkungen auf die Kreditvergabepolitik der Banken. Der Autor gibt hierzu einen kurzen Überblick und eine Einschätzung für die künftigen Finanzierungen.

 

Entwicklung des Zinsumfelds

Die Zinsen, insbesondere im kurz- und mittelfristigen Bereich bis zu vier Jahren, sind in den letzten Monaten seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine deutlich um über 2 %, z. B. für eine vierjährige Zinsbindung, gestiegen. Diese Entwicklung ist im wesentlichen Ausfluss der geänderten Zinspolitik der EZB zur Eindämmung der Inflationstendenzen.

Mit diesem(n) radikalen Zinsschritt(en) wurden insbesondere auch die Teilnehmer am Kapitalmarkt stark überrascht. Eine Anpassung bzw. Korrektur der Niedrigzinspolitik war in der Vergangenheit von vielen Akteuren gefordert worden. Mit den über die regelmäßigen Stressszenarien hinausgehenden Zinsschritten hatten jedoch wenige Marktteilnehmer gerechnet. Zwar wirkt sich eine Zinssteigerung grundsätzlich auf die Ertragslage vor allem von Kreditinstituten, die stark im Kreditgeschäft investiert sind, positiv aus. Negativ sind jedoch auf der anderen Seite insbesondere die zinsinduzierten Wertabschläge im Wertpapierbereich, die zu Bewertungsnotwendigkeiten im Eigenanlagengeschäft führen können.

So stehen zahlreiche Banken vor der Frage, inwieweit sie aufgrund dieser Konstellation überhaupt einen operativen Jahresüberschuss zum 31.12.2022 ausweisen können.

Dies führt dazu, dass die Thesaurierungsfähigkeit vor allen Dingen im Jahre 2022 zumindest in Teilbereichen durchaus beeinträchtigt wird. Die Entwicklungen bis zum Jahresende sind jedoch abzuwarten und insbesondere die damit einhergehenden Maßnahmen der Bewertung von Wertpapieren und deren Behandlung durch die Bankenaufsicht sind zu beobachten. 

Die gestiegenen Zinsen haben insbesondere Auswirkungen auf die Kreditnachfrage im Wohnungsbaubereich. Neben den gestiegenen Baukosten dürften insbesondere die erhöhten Zinsen sowie die mit der starken Inflation einhergehenden wirtschaftlichen Unwägbarkeiten ein wesentlicher Faktor dafür sein, dass der Markt für private Wohnungsfinanzierungen stark eingebrochen ist.

Aber auch im gewerblichen Kreditbereich führt die Zinssteigerung dazu, dass die Kalkulationsgrundlage und insbesondere die Berechnung der Kapitaldienste und Kapitaldienstfähigkeit der Unternehmer durchaus mit anderen Parametern zu versehen sind.

Eine solche veränderte Kapitalstruktur und Zinsbindungsstruktur führt zum einen dazu, dass die Planungsparameter bei der Kreditvergabe natürlich deutlich zu überprüfen sind.

Ferner ist jedoch auch zu beachten, dass im Sinne einer besseren Planbarkeit die Zinsstrukturen bzw. Finanzierungsbausteine intensiv zu planen und zu beobachten sind.

Hier werden bei Finanzierungsanfrage insbesondere die Banken mit den veränderten Parametern (gestiegenen Lebenshaltungskosten, inflationär gestiegenen Kosten sowie gestiegenen Finanzierungskosten) kalkulieren müssen.

 

Neue regulatorische Anforderungen

Ein weiterer Ausfluss auf die Kreditvergabepolitik der Kreditinstitute dürften auch die gestiegenen Eigenkapitalanforderungen der Bankenaufsicht sein.

So ist zu beobachten, dass auf der einen Seite die qualitativen Anforderungen an die Eigenkapitalausstattung der Kreditinstitute zugenommen hat bzw. zunehmen werden.

Im Durchschnitt sind die Eigenkapitalkomponenten neben den normalen Anforderungen an das harte und Ergänzungskapital durch weitere mögliche Zuschläge deutlich gestiegen.

Zusammengefasst kann man von einer Steigerung von rund bis zu 2 % hinsichtlich der Eigenkapitalanforderungen ausgehen. Darüber hinaus sind die Anforderungen an die qualitativen Kreditrisikoansätze ebenfalls gestiegen.

Diese werden sehr stark differenziert, zum einen nach der Bonität des Kreditnehmers und vor allen Dingen auch nach der Sicherheitenstellung.

So gibt es im bonitätsmäßig guten Bereich durchaus Möglichkeiten, die Eigenkapitalunterlegung eines Kredites zu verbessern durch eine bonitätsinduzierte verbesserte Anrechnung. Im schlechten Bonitätsfenster sind jedoch auch deutliche Zuschläge festzustellen.

Im Bereich der Sicherheiten können Kreditinstitute unter gewissen Voraussetzungen erleichternde Maßnahmen in Kauf nehmen, z. B. durch den Einsatz von Sicherheitsverbessernden Maßnahmen, wie z. B. professionalisierte Wertgutachten und auch rechtliche Gutachten zu Sicherheiten.

 

Zwischenergebnis

Somit ist festzustellen, dass es im Interesse der Kreditnehmer, aber auch der Finanzierer ist, die Eigenkapitalunterlegung zu verbessern bzw. Kredite aus Sicht der Banken Eigenkapitalschonend zu vergeben.

Bei einem transparenten Ratingverfahren sollte es möglich sein, die Verbesserungen in der Ratingnote mit dem Bankberater anzusprechen und insbesondere auch nach Möglichkeiten zu suchen, diese positiv zu beeinflussen.

Ferner werden den Sicherheiten eine stärkere Bedeutung beigemessen. Somit ist insbesondere auch die Einhaltung der formalen Aspekte, die zu einer verbesserten Eigenkapitalanrechnung bei den Banken aufführen können, zu berücksichtigen. Dies sind insbesondere das Zurverfügungstellen von aussagekräftigen Unterlagen zu den gestellten Sicherheiten (wie z. B. Pläne, Auszüge aus den Registern etc.) sowie die Mitwirkung bei der Bewertung der rechtlichen und wirtschaftlichen Aspekte der Sicherheit.

 

Weitere Neuerungen

Neben zusätzlichen Aspekten aus einer bonitätsorientierten Bepreisung und vor allen Dingen auch einer Unterlegung des Eigenkapitals im Rahmen der Gestellung der Sicherheiten spielen auch im Problemkreditmanagement regulatorische Veränderungen eine größere Rolle.

Hier ist insbesondere die im Jahr 2021 erlassene EBA-Guideline zu non performing loans von Bedeutung.

Durch die neuen EBA-Guidelines haben sich die Anforderungen an das Betreiben von sogenannten Problemkrediten deutlich verschärft.

Hier ist insbesondere darauf zu achten, dass bei Zahlungsstockungen (z. B. Tilgungsaussetzungen) möglicherweise schon eine Situation vorliegt, die bei bonitätsinduzierten Leistungsstörungen dazu führt, dass zum einen das Reporting und die Bearbeitung deutlich intensiver gestaltet wird, zum anderen aber auch nach erfolglosem Ablauf einer Wohlverhaltensperiode von in der Regel drei Jahren eine höhere Eigenkapitalunterlegung einer als risikobehaftet bewerteten Position nach sich zieht.

Um einer möglichen Einstufung als Forbearance-Kredit entgegenzuwirken, sollte insbesondere eine qualifizierte Liquiditätsplanung und die frühzeitige Ankündigung eines Liquiditätsbedarfs auf der Tagesordnung eines jeden Kunden stehen.

Aufgrund der nunmehr gesetzlich verankerten Zeit für die Abwicklung eines Problemkredites ist damit zu rechnen, dass sich diese neuen Zeitfenster in der Praxis der Workoutabteilungen der Banken etablieren und durchsetzen werden und somit eine deutlich kürzere Bearbeitung von Problemkrediten im Bereich der Banken erfolgt.

 

Zusammenfassung

Die neuen veränderten Gesamtumstände haben sicherlich eine herausfordernde Wirkung auf den Finanzierungsmarkt.

Die stärkere Fokussierung auf in die Zukunft gerichtete Daten und Forecastrechnungen mit realistischen und den nunmehr geänderten Rahmenbedingungen und angepassten Parametern dürfte in jedem Fall eine Auswirkung der neuen regulatorischen Vorgaben für Kreditinstitute sein. Ferner spielen die Datenqualität und der Informationsgehalt der eingereichten Unterlagen eine immer stärkere Rolle, da diese den Banken einen intensiven und besseren Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse und die Sicherheiten eines Kreditnehmers gewähren und so möglicherweise kapitalreduzierende Maßnahmen auf Seiten der Banken vorgenommen werden können.

Im Bereich des Workoutmanagements wird es zu einer deutlichen Beschleunigung des Problemkreditmanagements aufgrund gestiegener Anforderungen an die Eigenkapitalunterlegung, aber auch Dokumentationserfordernisse im Bankensektor kommen.

 

PRAXISTIPPS

  • Suchen Sie den offenen Dialog mit dem Bankberater bezüglich der erwarteten Unterlagen und Informationen.
  • Verbesserungsmöglichkeiten der Ratingnote ansprechen.
  • Qualifizierte Liquiditätsplanung sicherstellen und Abweichungen rechtzeitig kommunizieren zur Vermeidung einer Forbearance-Situation.
  • Den Einsatz von Zinssicherungsmaßnahmen mit in die Überlegungen einbeziehen.

Beitragsnummer: 21973

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