Dienstag, 12. Juli 2022

Rezension: Restrukturierung, Sanierung, Insolvenz

5. Auflage

Andrea K. Buth/Michael Hermanns (Hrsg.): Restrukturierung, Sanierung, Insolvenz. C. H. Beck Verlag, München, 5. Auflage 2022. 1.286 S., 159 €.


Angestoßen durch die Entwicklung des Insolvenzrechts in der EU und beschleunigt durch die Auswirkungen der COVID-Maßnahmen auf die Wirtschaft haben sich Bundestag und Bundesrat im Jahr 2020 auf eine Reihe von entscheidenden Neuerungen zum Insolvenzrecht verständigt.  

Mit dem Gesetz zur Fortentwicklung des Sanierungs- und Insolvenzrechts wurde 2021 erstmalig ein Rechtsrahmen für Restrukturierungen von Unternehmen eingeführt, mit dem Insolvenzen abgewendet werden können. Der hierin beinhaltete Restrukturierungsrahmen umfasst ein vor-insolvenzliches Sanierungsverfahren und steht Unternehmen offen, die von der Zahlungsunfähigkeit bedroht sind. Ist die Schwelle zur Zahlungsunfähigkeit hingegen überschritten, ist der Weg versperrt und es muss ein Insolvenzantrag gestellt werden. 

Ein wichtiges Instrument des Restrukturierungsrahmens ist der Restrukturierungsplan. Mit diesem Plan soll es für Unternehmen künftig möglich sein, die Insolvenz zu verhindern. Insbesondere wird damit die Möglichkeit eröffnet, nur einzelne Gläubiger in den Plan einzubinden und sich mit Zustimmung einer Mehrheit der Gläubiger zu sanieren. Hierbei ist zu beachten, dass die Gläubiger, die dem Plan zugestimmt haben, sich dessen Wirkung unterwerfen, und für die Gläubiger, die gegen den Plan stimmen oder nicht beteiligt wurden, der Plan keine Wirkung entfaltet. In diesem Fall kann das Gericht den Plan bestätigen.

Vor dem Hintergrund dieser vielfältigen Veränderungen ist es für die Praktiker in den Intensivbetreuungs-, Sanierungs- und Abwicklungs-abteilungen der Banken, für die involvierten Steuerberater, aber auch in den Insolvenzverwaltungsbüros und bei den Unternehmensberatern nicht immer einfach, den aktuellen Überblick über die Gesamtmaterie zu behalten. Bei der Suche nach einem alle Themen umfassenden Nachschlagewerk fällt es, angesichts der vielfältigen und nicht gerade preiswerten Angebote, durchaus schwer, die richtige Auswahl zu treffen, um fachlich „auf Ballhöhe“ zu bleiben. Viele dieser Nachschlagewerke sind von Fachjuristen verfasst und machen es dem Leser mitunter nicht einfach, die darin vermittelte Materie zu verstehen. Andere Kompendien, die sowohl von Juristen als auch von Betriebswirtschaftlern verfasst sind, finden in ihrer Sprache beim Leser zwar einen verständlicheren Zugang, jedoch mangelt es ihnen an der notwendigen thematischen Tiefenschärfe, so dass die Anschaffung damit der untaugliche Versuch bleibt, sich näher mit der Materie beschäftigen zu wollen. 

Das vom C. H. Beck Verlag veröffentlichte Kompendium „Restrukturierung, Sanierung, Insolvenz“ stellt hierbei eine wohltuende Ausnahme dar. Obgleich auch eine Reihe namhafter Juristen an dem Buch mitgearbeitet haben, wie Dr. Florian Harig, Dr. Christian Herbst, Prof. Dr. Thomas Kaiser oder Dr. Jens M. Schmidt, sind die rechtswissenschaftlichen Fachbeiträge verständlich verfasst und vermitteln, insbesondere dem Nicht-Juristen, einen sehr guten Einblick in die jeweilige Fachmaterie. 

In der Strukturierung der Themen folgt das über 1.200-seitige Kompendium einem logischen Aufbau, der sich an der Intensität und den Chancen zur Bewältigung der Unternehmenskrise orientiert und den Weg über die unterschiedlichen Varianten des Insolvenzverfahrens bis hin zur Zerschlagung des Unternehmenskörpers darstellt. Das Buch gliedert sich in neun Teile, die sich wiederum in einzelne Abschnitte unterteilen. Die einzelnen Teile sind in einzelne Abschnitte unterteilt, die wiederum die relevanten Einzelaspekte, unter Verweis auf neueste Urteile bzw. Fachbeiträge im Fachbezug komprimieren, aber trotzdem mit der notwendigen Ausführlichkeit umfassend die Thematik beleuchten, so dass für den Leser keine Aspekte unbeleuchtet bleiben. 

So wird neben einer thematischen Einführung in die Früherkennung von Unternehmenskrisen und den Restrukturierungs- und Sanierungs-möglichkeiten aus Sicht der finanzierenden Bank zunächst der wichtige Aspekt von Restrukturierungs- Sanierungs- und Insolvenzplänen behandelt. Hierauf aufbauend behandeln eine Reihe von Experten aus dem Sanierungsmanagement und der Management- und Restrukturierungsberatung die frühzeitige Restrukturierung und die Sanierung der jeweiligen leistungswirtschaftlichen Bereiche wie Logistik und Produktion, Einkauf, Personal sowie Führung bis hin zur Informationstechnologie. 

In einem vierten Teil wird die Sanierung der finanzwirtschaftlichen Bereiche des Krisenunternehmens behandelt. Dabei werden sowohl finanzwirtschaftliche Aspekte als auch gesellschaftsrechtliche Aspekte sowie die Thematik der Covenants behandelt, die in der Vertragsgestaltung mit der finanzierenden Bank eine immer größere Rolle spielen. Neben den besonderen Aspekten bei der finanziellen Restrukturierung kommen auch die gesellschaftsrechtlichen Aspekte bei der Fortführung von Unternehmen nicht zu kurz. An dieser Stelle liefert das Buch eine gute Übersicht über Formen der Fortführungsgesellschaften und erläutert die jeweiligen Optionen anhand ihrer Vor- und Nachteile. Dadurch dient das Kompendium als Informationsbasis auch für den betroffenen Unternehmer, der sich im frühen Stadium der Unternehmenskrise über Chancen der Krisenbewältigung im insolvenzlichen Sanierungsverfahren einen Überblick verschaffen will.

Der durch das Unternehmensstabilisierungs- und restrukturierungsgesetz (StaRUG) eingeführte und eingangs bereits erwähnte außerinsolvenzliche Restrukturierungsrahmen nimmt im Rahmen der aufgezeigten Inhalte des StaRUG mit knapp 50 Seiten erfreulicherweise einen breiten Raum ein. In diesem Zusammenhang wäre es wünschenswert gewesen, wenn die Autoren an dieser Stelle die Chancen der außerinsolvenzlichen Sanierung durch den Sanierungsmoderator in Form des Mediators näher beleuchtet hätten. Dies bleibt dann aber auch die einzige kritische Anmerkung zu diesem inhaltlich hervorragenden Gesamtwerk.  

Einen breiten Raum nimmt die Darstellung der insolvenzlichen Sanierung ein, die in einem Kapitel von fast 300 Seiten die Sanierungsmöglichkeiten nach der Insolvenzordnung aufzeigt und hierbei die klassischen Wege über das Insolvenzplanverfahren und die Besonderheiten der Eigenverwaltung wie dem Schutzschirmverfahren behandelt. 

Bevor im abschließenden Teil noch zahlreiche Praxisfälle aufgeführt werden, die den Kurzfall eines Sanierungskonzeptes oder einen Insolvenzplan beschreiben, widmet sich ein gesondertes Kapital Sonderthemen, wie beispielsweise der Thematik von Private Equity in der Restrukturierung oder den besonderen Fallstricken von Mergers & Acquisitions bei Krisenunternehmen. Den Sonderthemen schließt sich ein weiteres Kapitel an, mit dem steuerrechtliche Besonderheiten beleuchtet werden. Insbesondere die beiden vorletzten Kapitel verschaffen dem Fachbuch ein Alleinstellungsmerkmal zu anderen, am Markt vorliegenden Angeboten. 

Neben der verständlichen Ausdrucksweise, mit der die zuweilen komplexe Fachmaterie dem Leser gegenüber dargestellt wird, liegt ein weiterer Vorteil des Buches darin, dass die einzelnen Abschnitte bei besonderen Fachbezügen, aufeinander rekurrieren. Damit wird das Kompendium auch zu einer spannenden Lektüre für Praktiker, die sich nur in eine bestimmte Themenstellung einlesen wollen. 

Aus Sicht des Rezensenten handelt es sich hierbei um das umfassendste Kompendium für die Restrukturierung, Sanierung und Insolvenz, das der Markt derzeit bietet. Hierfür spricht auch die inzwischen 5. Auflage seit dem erstmaligen Erscheinen dieses Kompendiums im Sommer 1998 am Markt. Das Buch ist eine Pflichtlektüre für alle, die mit Restrukturierungen und Unternehmensinsolvenzen zu tun haben. 

Dem aktualisierten Handbuch ist daher eine weite Verbreitung bei Insolvenzexperten in Banken, der Wirtschaft und dem Insolvenzgewerbe, aber auch bei betroffenen Unternehmern sowie bei Studierenden und Lehrenden zu wünschen. Mit einem Anschaffungspreis von EUR 159,00 erhält man nicht nur einen kompakten Überblick über das deutsche Insolvenzrecht, sondern auch über eine Vielzahl von Fachthemen, die mit diesem in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen. 

Dirk Wolff-Simon, Bankdirektor Kreditrisikomanagement, Norddeutsche Landesbank – Girozentrale –, Hannover


Beitragsnummer: 21719

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