Donnerstag, 27. Januar 2022

Nachhaltigkeit in die Unternehmenssteuerung integrieren

Wechselwirkungen zwischen finanziellen und nicht-finanziellen Aspekten – auch Letztere müssen steuerungsrelevant werden

Timo Hülsdünker, Referent Wirkungstransparenz und Nachhaltigkeit, Jan Köpper, Co-Leiter Abteilung Wirkungstransparenz und Nachhaltigkeit, GLS Bank [*]

 

Seit einigen Jahren ist Nachhaltigkeit nun in aller Munde, doch was konkret unter diesem Begriff zu verstehen ist, entscheidet sich dieser Tage in Brüssel. Dort werden die letzten Verhandlungen zur sogenannten EU-Taxonomie geführt, mithilfe derer definiert wird, welche Wirtschaftstätigkeiten zukünftig als nachhaltig gelten können. Ein zu Beginn der Verhandlungen wesentliches Ziel der EU-Taxonomie, nämlich Greenwashing zu vermeiden, scheint bisweilen jedoch von den Mitgliedstaaten durch die Aufnahme von Atom- und Gaskraft in den Katalog der grünen Wirtschaftstätigkeiten aufgegeben worden zu sein. 

Das Kapital, das für den Pariser Klimapfad so dringend benötigt würde, wird nun in eine falsche Richtung gelenkt werden. Möglicherweise hat Bundeswirtschaftsminister Habeck die deutschen Klimaziele für die nächsten Jahre aus diesem Grund vorzeitig für nicht einhaltbar erklärt – unser Klimarückstand der vergangenen Jahre insgesamt ist nur schwer aufzuholen.

Es ist deshalb kaum nachvollziehbar zu erklären, wieso die Regierung sich weiterhin nur am politisch Machbaren und nicht am klimawissenschaftlich Notwendigen orientiert, obwohl das 1,5°C-Ziel mit den politischen Rahmenbedingungen steht und fällt, die wir in den nächsten Monaten verabschieden werden. Je später wir ernsthaft anfangen, den Weg nach Paris zu gehen, desto weniger Zeit bleibt uns und desto härter müssen die Maßnahmen ausfallen, die dann notwendig wären, um unser gemeinsames Ziel rechtzeitig zu erreichen.

Aus einem falschen Schutzgedanken heraus, den politische Entscheidungsträger für Unternehmen hegen, ergeben sich schwerwiegende wirtschaftliche und finanzielle Risiken. Erstens werden die nötigen privaten Investitionen in nachhaltige Geschäftsmodelle aufgrund restriktiver Rahmenbedingungen verhindert, wodurch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen und europäischen Industrie nachlassen wird. Zweitens werden die transitorischen Risiken aufgrund der knapper werdenden Zeit immer höher. 

Transitorische Risiken umfassen solche Risiken, die sich aus einem Übergang in eine CO2-freie Wirtschaft und Gesellschaft ergeben, d. h., sie können sowohl politisch-regulatorischer Natur sein, aber auch technologische oder marktbezogene Veränderungen beinhalten sowie auch die Ausprägung eines Reputationsrisikos einnehmen. Je näher wir der Grenze unseres noch zur Verfügung stehenden CO2-Budgets kommen, desto eingreifender müssen die Maßnahmen ausfallen, die dann nötig wären, um die Grenze nicht zu überschreiten. 

Wenn wir nicht bald wirksame Maßnahmen beschließen, werden Unternehmen und auch wir als Gesellschaft viel stärker von physischen Risiken, das heißt aller Risiken, die auf der Ebene der Umwelt- und Naturveränderungen geschehen, wie bspw. häufigere Extremwetterereignisse, betroffen sein. So oder so, ob transitorische oder physische Risiken: Unternehmen haben Risikopositionen in ihren Bilanzen, über die sie sich selbst sowie ihre Kapitalgeber- und Investoren aufklären sollten. 

Die Novellen der NFR- und CSR-Richtlinie können Banken und Investoren dabei helfen, die für eine fundierte Nachhaltigkeitsbewertung notwendigen Informationen und Daten zu ermitteln. Die aktuell zur Verfügung gestellten Daten orientieren sich jedoch am sog. ESG-Progress, beziffern also bspw. den CO2-Fußabdruck des Unternehmens. Diese Information ist jedoch eigentlich keine Information, solange sie nicht kontextualisiert wird. Hilft Ihnen ein CO2-Fußabdruck von 3.200 t/CO2e dabei einzuschätzen, ob das betrachtete Unternehmen viel oder wenig CO2 emittiert? Wohl kaum. Viel spannender hingegen ist es, den CO2-Fußabdruck zu nehmen und ins Verhältnis zur Bruttowertschöpfung zu setzen, um so anschließend auszurechnen, um wie viel Grad sich die Erde erwärmen würde, sollten alle Unternehmen genauso wirtschaften wie das betrachtete. So lässt sich unter anderem prüfen, ob ein Unternehmen kompatibel mit den Pariser Klimazielen ist oder nicht (s. Praxistipps).  

Neben der Kontextualisierung nicht-finanzieller Kennzahlen sollten wir uns auch grundsätzlich von der separaten Betrachtung von finanziellen und nicht-finanziellen Aspekten lösen und hinkommen zu einer integrierten Art der Steuerung und Berichterstattung, die in einem grundsätzlich neuen Verständnis von Unternehmenswerten münden. Aufgrund der Wechselwirkungen zwischen finanziellen und nicht-finanziellen Aspekten ist eine klare Abgrenzung beider Aspekte nicht sinnvoll: Ein landwirtschaftlicher Betrieb, der aufgrund eines hohen Pestizid- oder Düngemitteleinsatzes kurzfristig höhere Gewinne bilanziert, untergräbt durch seine negativen Wirkungen auf Biodiversität und Bodenqualität das Fundament seiner finanziellen Erträge. Ein Ökohof kann wiederum möglicherweise zwar niedrigere finanzielle Gewinne verbuchen. Aufgrund seiner positiven Umweltwirkungen schafft der Ökohof jedoch einen langfristigen Wert für sich und die Gemeinschaft, der sich jedoch bisher nicht in den Bilanzen wiederfindet.

Diese Haltung mag aus einer neoliberalen Perspektive vermutlich belächelt werden. Fest steht jedoch auch: wer nicht-finanzielle Aspekte nicht berücksichtigt, wird zukünftig Schwierigkeiten haben, die Renditeerwartungen seiner Investoren zu erfüllen. Aufgrund der Wechselwirkungen zwischen finanziellen und nicht-finanziellen Aspekten müssen auch Letztere steuerungsrelevant werden. Das heißt konkret, dass bspw. die eigenen CO2-Emissionen in die Risikosteuerung integriert gehören. Die Unternehmen, die weiterhin nur nach Finanzkennzahlen steuern, unterschätzen ihre Nachhaltigkeitsrisiken, was mittelfristig zur schwächeren Wettbewerbsfähigkeit und somit geringeren finanziellen Gewinnen führt.

Diese ganzheitliche Denkweise etabliert sich bisher zwar stetig und dennoch deutlich zu langsam, insofern wir den mannigfaltigen sozial-ökologischen Herausforderungen unserer Zeit etwas entgegensetzen wollen (s. Praxistipp). 

Das oben genannte Beispiel aus der Landwirtschaft zeigt, dass wir unseren Begriff von Unternehmenswert grundlegend hinterfragen und um nicht-finanzielle Aspekte erweitern müssen. Die Bodenqualität eines Ökohofs ist ebenso ein Wert wie die Pestizide, die nicht eingesetzt und folglich nicht auf Steuerzahlerkosten aus dem Grundwasser gefiltert werden müssen. Sobald ökologische und soziale Werte finanziellen Kennzahlen gleichgesetzt werden oder im Idealfall der ökonomische Erfolg eher als Folge aber nicht als Imperativ einer wirtschaftlichen Aktivität in Einklang mit Mensch und Natur verstanden wird, ist uns ein ganz anderes Verständnis von Unternehmenswert möglich. Geld ist für die Menschen da und immer ein gesellschaftliches Gestaltungsmittel. Lassen Sie es uns sozial-ökologisch und im Sinne des Gemeinwohls mit neuem Leben füllen.

 

PRAXISTIPPS

Nachhaltigkeitsberichterstattung:

  • Der nationale Deutsche Nachhaltigkeitskodex bietet eine Plattform zur Orientierung und Umsetzung von Nachhaltigkeitsberichten, aber auch in der Strategiedefinition. Die Global Reporting Initiative stellt weitreichende Handreichungen zur Verfügung und prüft die Qualität entsprechender Berichte. Durch das jüngst in Frankfurt angesiedelte International Sustainability Standards Board sollen künftig globale Basisstandards im Bereich der Nachhaltigkeitsberichterstattung gesetzt werden. 
  • Die Gemeinwohlökonomie (GWÖ) geht darüber hinaus und positioniert die Gemeinwohlorientierung von Organisationen als Ausgangspunkt von Offenlegungs- und Steuerungskonzepten. Und letztlich noch der Verweis auf r3.0, eine globale Initiative, die sich vorgenommen hat, Nachhaltigkeitsberichterstattung im Sinne der planetaren Belastungsgrenzen und sozialer Sollzustände grundlegend zu verändern. Der Trend hin zur Kontextualisierung ist in vollem Gange.

 

Klimabilanzierung: 

Von der X-Degree-Compatibility bis hin zu Klimaanpassungskonzepten: Methoden, Tools und Perspektiven: https://nachhaltigkeitsbericht.gls-bank.de/wirkung/werte-statt-gewinn/natur/atmosph%C3%A4re/klimaregulierung

[*] Hinweis: Zur besseren Lesbarkeit und Unterstützung des Leseflusses wurde im Beitrag auf die Verwendung des generischen Maskulinums zurückgegriffen. Selbstverständlich schließen jedoch alle Formulierungen und Personenbezeichnungen alle Geschlechter gleichermaßen ein.


Beitragsnummer: 19516

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