Mittwoch, 15. September 2021

Umsetzung der neuen Steuerungsperspektiven zur Risikotragfähigkeit

Risikomessung, Kapitalplanung, Risikoinventur und Stresstests aus einem Guss

Kerstin Alpen, Teamleiterin Beratung und Prozessmanagement Gesamtbanksteuerung, parcIT GmbH

 

Mit dem Anschreiben zur MaRisk-Novelle 2021 hat die BaFin angekündigt, über die Frist für die Gültigkeit der Vorgaben des Annexes des aufsichtlichen RTF-Leitfadens zu informieren. Eine konkrete Auseinandersetzung mit der Umsetzung der ökonomischen und normativen Perspektive der neuen Risikotragfähigkeit wird somit immer wichtiger.

 

Die neue ökonomische Perspektive – frühzeitig Erfahrung sammeln

Für viele Institute ist die wertorientierte Ermittlung von Risiken und Risikodeckungspotenzial im Sinne der ökonomischen Perspektive eine zentrale Neuerung. Institute sollten sich frühzeitig auf diese Veränderungen vorbereiten. Eine Parallelphase, in der die ökonomische Perspektive informatorisch im Sinne einer Nebenrechnung ermittelt wird, ermöglicht es Instituten, Erfahrungen mit deren Wirkungsweise in der Steuerung zu sammeln. Barwertige Risikoquantifizierungsverfahren sollten sukzessive implementiert werden, um bei finaler Umstellung die Qualität der Datenbasis und der Messergebnisse sicherzustellen.

 

Risikoinventur als wichtiges Bindeglied zwischen den Perspektiven

Die beiden Perspektiven sollten ganzheitlich in die Steuerungsprozesse des Instituts implementiert werden. Ausgehend von der Verankerung in der Risikostrategie spiegeln sich die beiden Perspektiven in der Risikoinventur, in der Quantifizierung und Limitierung der Risiken sowie in der Auswahl geeigneter Stresstests wider.

 

In der Risikoinventur werden relevante Risiken dahingehend beurteilt, ob sie die Vermögens-, Ertrags- oder Liquiditätslage eines Instituts wesentlich beeinträchtigen können. Durch die Analyse der Wirkung der Risiken im Hinblick auf die Vermögens- und Ertragslage des Instituts stellt die Risikoinventur ein wichtiges Bindeglied zwischen ökonomischer und normativer Perspektive dar.

 

Zusammenspiel zwischen ökonomischer und normativer Perspektive

Risiken aus der ökonomischen Perspektive müssen in der normativen Perspektive berücksichtigt werden. Beispielsweise gehen Veränderungen von Credit Spreads als Risikofaktoren in das barwertige Kreditrisiko im Eigengeschäft ein. Darüber hinaus ziehen Veränderungen von Credit Spreads Effekte in der Gewinn- und Verlustrechnung, insbesondere auf das Bewertungsergebnis der Wertpapiere, nach sich. Sind das Kreditrisiko im Eigengeschäft und der Risikofaktor der Credit Spreads für ein Institut wesentlich, sollten sie sowohl in der wertorientierten Risikomessung als auch bei der Ausgestaltung von Plan- und adversen Szenarien in der Kapitalplanung angemessen Berücksichtigung finden. Generell kommt der normativen Perspektive inkl. der Kapitalplanung mit der Neuausrichtung der Risikotragfähigkeit eine große Bedeutung zu. Eine konsistente Herleitung aus der Risikoinventur ist dabei aufsichtlich gefordert.

 

Implementierung eines geeigneten Stresstestprogramms

Mit der Umsetzung der Risikotragfähigkeit nach neuer Ausrichtung sollte ein Institut sein Stresstestprogramm grundlegend prüfen. Mit risikoartenspezifischen Stresstests wird das Gefährdungspotenzial aus extremen Ereignissen in einer Risikoart abgebildet. Dabei sollte in der ökonomischen Perspektive auch eine Loslösung vom Risikoquantifizierungsverfahren stattfinden. Risikoartenübergreifende Stresstests sollten in der ökonomischen und der normativen Perspektive durchgeführt werden. Durch die Abbildung desselben Szenarios in beiden Perspektiven (z. B. des Schweren konjunkturellen Abschwunges) können Wechselwirkungen aufgezeigt werden. Inverse Stresstests sind ebenfalls in beiden Perspektiven erforderlich. Eine Abstufung im Sinne des Proportionalitätsprinzips kann u. a. durch Anzahl und Turnus der Stresstests erreicht werden. 

 

PRAXISTIPPS

  • Sammeln Sie frühzeitig Erfahrung mit wertorientierten Steuerungsgrößen. Das barwertige Risikodeckungspotenzial ist ggf. volatiler als das Risikodeckungspotenzial im bisherigen Going Concern.
  • Führen Sie sukzessive barwertige Risikoquantifizierungsverfahren ein, um sich mit deren Wirkungsweisen vertraut zu machen und die Qualität der Messergebnisse sicherzustellen.
  • Implementieren Sie ein Risikoinventurverfahren, das bei der Wesentlichkeitsbeurteilung der Risiken der ökonomischen und normativen Perspektive Rechnung trägt.
  • Setzen Sie ein Stresstestprogramm auf, das die ökonomische und normative Perspektive angemessen berücksichtigt und eine Verbindung zur Liquiditätssteuerung herstellt.

Beitragsnummer: 18309

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