Dienstag, 6. Juli 2021

Strategische Anreize für eine nachhaltige Konditionsgestaltung

Nachhaltige Preisgestaltung im Kundengeschäft als Ausdruck des ESG-Risikoappetits und einer grünen Geschäftsstrategie

M. Sc. Tim-Oliver Engelke, Spezialist Controlling, Bereich Finanzmanagement, Risiko- und Liquiditätstragfähigkeit, Sparda-Bank Hessen eG

Der Begriff der Nachhaltigkeit scheint auf den ersten Blick bereits umfassend in der Bankenlandschaft angekommen zu sein. Auf den zweiten Blick stellt sich jedoch oftmals die Frage, ob es sich dabei ggf. bislang noch um ein „Marketingschlagwort“ handelt oder ob der ESG-Gedanke bereits mit der Strategie und Vision des Instituts verknüpft ist. Zu dieser Erkenntnis kommt auch eine Studie der Zielke Research Consult in Kooperation mit der Beratungsgesellschaft ZEB, an der 119 Kreditinstitute teilgenommen haben. Gemäß dieser Studie wird das Thema zwar bereits verstärkt in der Bankenlandschaft umgesetzt, jedoch mangelt es noch oftmals an einer Einbindung in die Strategie und einer Umsetzung durch klar definierte und messbare Ziele (Börsen-Zeitung vom 15.03.2021 – „Nachhaltigkeitsberichte am Anfang“).

Eine tatsächlich im Unternehmen gelebte Geschäftsstrategie basiert auf einem klassischen „Feedback-Loop“. Aufbauend auf der Geschäftsstrategie wird die Risikostrategie und der damit einhergehende Risikoappetit definiert. Aus diesen werden anschließend klare Ziele definiert, welche u. a. über Soll-Ist-Vergleiche gesteuert werden können. Durch die Übersetzung einer nachhaltigen Geschäftsstrategie in operative Ziele gewährleistet die Bank langfristig auf dem richtigen Pfad zu sein. Falls die definierten Ziele nicht eingehalten werden, gibt dies einen Impuls zurück zur Strategie ggf. Anpassungen vornehmen zu müssen.

Speziell im Kundenkreditportfolio bieten sich als nachhaltige und messbare Ziele beispielsweise die durchschnittliche Energieeffizienzklasse bei Wohnimmobilien oder die Anzahl an vergebenen Förderkrediten (u. a. KfW-Effizienzhäuser) an. Auch die EBA fordert von Instituten im Bereich der Kreditvergabe die Implementierung von sowohl qualitativen als auch quantitativen Zielen zur Förderung der Vergabe nachhaltiger Kredite (EBA/GL/2020/06, S. 18).

Zur Umsetzung der Strategie auf operativer Ebene bieten sich auf der einen Seite klassische Negativ- und Positivlisten an. Die Bank formuliert dabei den Anspruch bestimmte Unternehmen oder Finanzierungen kategorisch auszuschließen oder zu fördern. Auf der anderen Seite können nachhaltige Impulse speziell über die Preisgestaltung gesetzt werden. Die Bank könnte im Rahmen der Konditionsgestaltung dementsprechend Wohnimmobilienfinanzierungen in bestimmten Effizienzklassen fördern und so deren Anteil im Kundenkreditportfolio erhöhen. 

Gerade in Zeiten des Niedrigzinsumfeldes und einer ohnehin erschwerten Kreditvergabe stellt sich hier wahrscheinlich auf den ersten Blick die Frage, warum eine Bank ihre Marge freiwillig durch verringerte Konditionen senken sollte. Die Antwort darauf erstreckt sich primär über zwei Ebenen.

Erstens schaffen günstigere Konditionen für nachhaltige Kredite die Möglichkeit einer langfristigen Umschichtung in ein „grüneres“ Kreditportfolio. Die Bank kann sich auf diese Weise im jeweiligen Geschäftsgebiet einen entscheidenden Know-how Vorteil für nachhaltige Wohnimmobilienfinanzierungen aufbauen. Speziell mit einer steigenden Nachfrage nach Krediten für Immobilien in hohen Energieeffizienzklassen kann sich die Bank durch eine entsprechend qualitativ hochwertige Beratung eine damit einhergehende Reputation im Geschäftsgebiet erarbeiten. 

Zum Thema Nachhaltigkeit im Immobilienmarkt hat die Berlin Hyp erst kürzlich 230 Immobilienfachleute befragt. Gemäß der Umfrage gehen knapp vier Fünftel der Teilnehmer davon aus, dass nachhaltige Refinanzierungsprodukte im Bereich Immobilienfinanzierungen an Bedeutung hinzugewinnen werden. Die Berlin Hyp selbst hat das Ziel formuliert, dass bis zum Jahr 2025 ein Drittel der finanzierten Immobilien „grün“ sein sollen (Börsen-Zeitung vom 26.03.2021 – „Nachhaltigkeit kommt im Immobilienmarkt an“). Derartig klar formulierte Ziele sind sowohl für Kunden als auch für die Aufsicht ein Zeichen, dass die Bank den Begriff Nachhaltigkeit eng mit der Strategie und der Risikokultur verknüpft hat. 

Zweitens ermöglichen günstigere Konditionen für nachhaltige Kredite das Ausmaß an sowohl transitorischen als auch physischen Klimarisiken im Kreditportfolio zu begrenzen. Transitorische Risiken für Wohnimmobilien können beispielsweise in neuen Gesetzen und Bestimmungen bestehen, welche bestimmte Effizienz- und CO2-Standards fördern könnten. Dass dies kein hypothetisches Beispiel mehr ist, zeigen speziell die seit Jahresbeginn neu eingeführten CO2-Abgaben für Mieter und Hauseigentümer, die ihre Immobilie mit Erdgas oder Erdöl heizen. Je nach Nutzungsausmaß fossiler Energieträger können sich derartige Entwicklungen auf die Nachfrage und demnach den Preis betroffener Immobilien auswirken. Für die Bank kann dies mit sinkenden Sicherheitenwerten, erhöhten Blankoanteilen und erwarteten Verlusten einhergehen. 

Des Weiteren kann die Konditionsgestaltung Impulse zur Begrenzung des Exposures in bestimmten überflutungsgefährdeten Bereichen im Geschäftsgebiet setzen. Zur Einschätzung des Umfangs physischer Nachhaltigkeitsrisiken kann die Bank das Netto-Exposure im Kundenkreditportfolio auf PLZ-Ebene mit entsprechenden Überflutungskarten mappen. Verschiedene Studien haben ergeben, dass der Einritt extremer Wetterereignisse Wohnimmobilienpreise um bis zu fünf bis 20 % verringern kann (UNEP – Navigating a new Climate – Part 2 (2018), S. 26.). 

Eine über die Konditionsgestaltung umgesetzte Nachhaltigkeitsstrategie kann sowohl langfristig Erträge über eine gesteigerte Reputation und einen Know-how Vorteil erhöhen als auch physische und transitorische Klimarisiken im Kreditportfolio begrenzen.

PRAXISTIPPS

  • Verschaffen Sie sich einen Überblick darüber, inwiefern transitorische und physische Klimarisiken in Ihrem Kreditportfolio bestehen.
  • Nutzen Sie die Konditionsgestaltung als Ausdruck einer nachhaltigen Geschäftsstrategie und zur Definition nachhaltiger Ziele.

Beitragsnummer: 18208

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