Mittwoch, 7. Oktober 2020

Nachhaltigkeit quo vadis?

Schaffung eines nachhaltigen Mehrwerts durch die Interne Revision

Ralph Berkemer, Revision Management- und Int. Service-Prozesse, Volksbank Stuttgart eG*

 (*Die dargestellten Inhalte stellen die Privatmeinung des Autors dar und nicht von der Volksbank Stuttgart eG)

 

Merkblatt zur Behandlung von Nachhaltigkeitsrisiken

Die BaFin veröffentlichte Ende des Jahres 2019 ein Merkblatt zur Behandlung von Nachhaltigkeitsrisiken. Ist vor diesem Hintergrund die „Nachhaltigkeit" oder „nachhaltig" zu sein damit ein neuer Begriff, eine neue aufsichtliche Anforderung in der Finanzwirtschaft? Im engeren Sinne betrachtet nicht, denn bereits in den MaRisk ist in AT 4.2, Tz.1 festgelegt, dass die Geschäftsleitung eine nachhaltige Geschäftsstrategie festzulegen hat, welche den verschiedenen Anforderungen der Tz.1 standhalten muss. Insofern kann das aufsichtliche Merkblatt für Nachhaltigkeitsrisiken nicht als Anforderung, sondern als Auslegung betrachtet werden.

Das Merkblatt greift dabei Sachverhalte auf, welche natürlich nicht erst seit Fridays for Future bekannt sind, sondern bereits seit langer Zeit in verschiedensten Fragestellungen aufgetreten sind. Nachhaltigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang, dass ohne eine den Bestand schonende, pflegende Bewirtschaftung kein dauerhafter, kontinuierlicher Ertrag möglich ist. Dies wird vor allem in der Betrachtung der Vergangenheit für historisch gesehen alte Branchen wie die Land- bzw. Forstwirtschaft deutlich. Ohne eine generationenübergreifende, langfristig den Bestand, den Besitz wahrende und nicht gefährdende Denkweise, war bzw. ist keine nachhaltige Übergabe an künftige Generationen möglich. Die Fragestellungen, welche jetzt für die Finanzwirtschaft aufgeworfen werden, sind in vergleichbarer Form bereits seit langer Zeit in diesen Branchen bekannt. Das BaFin-Merkblatt weist deshalb keine Urheberschaft für die „Nachhaltigkeit" auf, welche seit Jahrhunderten praktiziert wird. Es macht vor diesem Hintergrund Sinn, sich dies konkret vor Augen zu halten und das aufsichtliche Merkblatt nicht nur als funktionale Anleitung zu betrachten, sondern als Ausgangspunkt für eine völlig andere Sichtweise, welche nicht auf die Finanzwirtschaft beschränkt ist. Die aktuelle Covid-19-Krise mit ihren noch nicht absehbaren Folgen hat schonungslos vor Augen geführt, wie stark rechtzeitiges, nachhaltiges und vorsorgliches Handeln in Krisensituationen vor Schaden bewahren kann. So gesehen befinden wir uns immer noch in einem fortgesetzten Stressszenario, dessen Ausmaß und Ende zum aktuellen Zeitpunkt völlig offen sind.


 

Nachhaltigkeit als langfristiger Prozess

Das Nachhaltigkeitsdenken ist – je nach persönlicher Einstellung – ein unter Umständen jahre- oder auch lebenslanger Prozess, welcher prinzipiell nie endet, da sich im Zeitverlauf immer neue Fragen und Themengebiete hierzu ergeben. Auch die Instrumente für die Nachhaltigkeit erleben dabei einen inhaltlichen Wandel, sie passen sich jeweils den einzelnen zeitlichen Epochen an. Nachhaltigkeit kann nicht auf Anweisung, auf Anordnung erfolgen, da dies inhaltlich zu kurz greift und viele begleitende Fragestellungen ausblendet. Nachhaltigkeit ist in diesem Sinne übergeordnet, ideologiefrei, vorurteilsfrei und nicht an das Programm politischer Parteien gebunden. Es beinhaltet den grundlegenden Gedanken, mit den vorgefundenen Mitteln so sorgsam zu wirtschaften, dass deren Nutzung im idealen Sinne ewig ist, über Generationen hinweg. Dies stellt seit langer Zeit auch die Grundlage für die Durchführung von familieneigenen Vermögensverwaltungen dar. Nachhaltiges Wirtschaften sollte erstens mehr Mittel hinterlassen, welche zuvor bestanden haben, und zweitens in einem Zustand, welcher eine kontinuierliche und schonende Nutzung widerspiegelt. Die Nachhaltigkeit kann im übertragenen Sinne auch als eine spezielle Art von Risikotragfähigkeit interpretiert werden: Eine schonende, nachhaltige Nutzung von Ressourcen lässt eine dauerhafte Nutzung über die Generationen hinweg erwarten. 

 

Buchtipp

Heithecker/Tschuschke (Hrsg.): Geschäftsmodellanalyse, 2. Aufl. 2019.


Mehrdimensionale Nachhaltigkeitsbetrachtung 

Nachhaltigkeitsfragen sind zudem keine eindimensionalen Gebilde, sondern mit mehrdimensionalen Ebenen versehen. Dies kann an einem praktischen Beispiel anschaulich verdeutlicht werden. Es mag für das Ziel der CO²-Reduzierung betreffs der Begrenzung der Klimaerwärmung wichtig sein, den Anteil nachwachsender Brennstoffe wie Holz zu fordern und auch zu fördern. Denn nachwachsendes Holz (Bäume) bindet wiederum CO² von der Atmosphäre. Allerdings kann eine zu starke Verbrennung von Holz den Anteil an Feinstaub in der Luft erhöhen, so dass hierbei gleichzeitig ein anderes Ziel („saubere Luft", „Luftreinhaltung") unter Umständen verfehlt wird und eine passende Antwort in Form von Filtersystemen für die verursachten Abgase in Betracht zu ziehen ist, bevor über eine Holzverbrennung zur Energiegewinnung entschieden wird. Diese unter Umständen mehrfachen Zielkonflikte gilt es dabei transparent zu machen und im Entscheidungsprozess zu bewerten. Derartige Fragestellungen sind in allen wirtschaftlichen Sektoren anzutreffen. Durch die bestehenden Übergangsphasen von „alten" zu „neuen" Technologien besteht die Notwendigkeit, einen Parallelbetrieb aufrecht zu erhalten und auch zu akzeptieren. 

 

Seminartipps


Nachhaltiger Mehrwert durch die Interne Revision

Wie kann die Interne Revision in dieser Situation für ein Kreditinstitut im Sinne der Nachhaltigkeit und in Kenntnis des aufsichtlichen Merkblatts für Nachhaltigkeitsrisiken tätig sein und einen Mehrwert erschaffen? Es macht auf jeden Fall Sinn, die Thematik von zwei Seiten aus gleichzeitig anzugehen. Einerseits könnte der individuelle Jahres-Prüfungsplan durchgesehen und pro Prüfung identifiziert werden, in welcher das Thema „Nachhaltigkeit" in irgendeiner Form bereits enthalten ist. Zudem könnte die Interne Revision im Sinne einer Nachhaltigkeits-Inventur (Aufnahme von dem Vorfinden der Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsfragen in bestehenden Prozessen/Arbeitsabläufen im Sinne einer Bestandsaufnahme der Handlungen, der Prozessschritte) in der Bank begleitend oder auch direkt prüferisch tätig sein. In welchen Themengebieten ist bisher bereits die Nachhaltigkeit berücksichtigt oder liefert Antworten auf diverse Fragestellungen? Das Ergebnis aus beiden Richtungen kann in einer Art "Nachhaltigkeitslandkarte" festgehalten werden, um das Thema auch transparent abzubilden und die Vielschichtigkeit näherungsweise offen zu legen. Dies kann wie eine Prüfungslandkarte interpretiert werden, welche Anforderungen mit den betreffenden Handlungen im Sinne der Nachhaltigkeit bereits heute erfüllt werden. Damit einhergehend werden gleichzeitig auch bestehende Defizite identifiziert. Sofern noch nicht individuell vorhanden, können in diesem Zusammenhang auch prüferische Kompetenzen aufgebaut werden, welche für weiter gehende Fragestellungen benötigt werden.

 Als dritte Variante, sich dem Themenkomplex zu nähern, kann das BaFin-Merkblatt auch revisorisch durchgearbeitet werden, um vorab festzuhalten, welche prüferische Tätigkeit jeweils in diesem Zusammenhang konkret dargestellt werden kann. Diese Übung ist nicht nur auf die Leitung der Revision, sondern im Grunde nach auf jeden einzelnen Revisor auszudehnen und das Ergebnis dann sinnvollerweise in einem revisionsinternen Projekt als Aufgabe zu verdichten. Als Ergebnis könnte eine Prüfungsstrategie stehen, wie die Nachhaltigkeit umfassend in prüferischen Handlungen berücksichtigt wird.

Auf Dauer ausgelegte Nachhaltigkeit lässt sich nicht verordnen, sondern bedingt eine gewisse Offenheit und innere Aufgeschlossenheit zu dem Thema/dieser Sichtweise. Nachhaltigkeit bedingt eine ganzheitliche, vorurteilsfreie, vernetzt denkende Sichtweise. Es werden verschiedene Varianten einer Handlung gegeneinander abzuwägen sein. Dabei geht es nicht um „Schwarz" oder „Weiß", sondern um Kompromisse. Keine Handlung ist zu 100 % ausschließlich vorteilhaft oder vollständig zu befürworten. Es sind erwartungsgemäß auch Nachteile oder Nebenwirkungen dabei zu verzeichnen, welche gerade im Sinne der Nachhaltigkeit ebenso zu berücksichtigen und abzuwägen sind. Nachhaltigkeit ist keine eindimensionale Angelegenheit, sondern wie eingangs erwähnt, mehrdimensional, sich im Zeitverlauf durchaus ändernd. Sofern sich diese Sichtweise etabliert hat, könnte zur Unterstützung von Entscheidungen auch eine Art Kriterienkatalog oder Wertekanon erarbeitet werden. Welche Aspekte im Sinne der Nachhaltigkeit weisen für das Unternehmen eine höhere Wertigkeit, eine größere Bedeutung auf? Um komplexe Entscheidungsfragen transparent zu machen und Hilfestellung in der Entscheidungsfindung zu leisten, würde ein derartiger Rahmenkatalog die Stellung einer Strategie (Nachhaltigkeitsgrundsätze?) einnehmen. Dies könnte sowohl bankenintern wie auch -extern den Stellenwert einer gelebten Nachhaltigkeit hervorheben und betonen. Dergestalt betrachtet, stellen Fragen der Nachhaltigkeit Elemente der Unternehmenskultur dar.

 

PRAXISTIPPS

  • Verschaffen Sie sich einen Überblick über die Nachhaltigkeit in Ihrem Unternehmen.

  • Es sollten Kompetenzen in Bezug auf Fragen der Nachhaltigkeit nicht nur in den Leitungsorganen, sondern bankweit und auch in der Internen Revision aufgebaut werden.

  • Denken und Handeln unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit erfolgt in langen Zeiträumen. Daher sollten strategische Fragen und Strategien damit nicht nur inhaltlich, sondern auch in der zeitlichen Betrachtung mit Kriterien der Nachhaltigkeit korrespondieren bzw. konsistent sein.

  • Dreh- und Angelpunkt ist die nahtlose Verzahnung von Strategie(n), Nachhaltigkeitsgesichtspunkten und dem effektiven Handeln auf taktischen und operativen Ebenen.

  • Es kann hilfreich sein, die Perspektive eines Treuhänders für fremdes Vermögen einzunehmen, um die Tragweite und Rechenschaft zu treffender Entscheidungen abzuwägen.

  • Eine Betrachtung der Nachhaltigkeit rein unter dem Gesichtspunkt extern zu erfüllender Normen greift inhaltlich zu kurz.


Beitragsnummer: 10773

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